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Außerklinische Beatmung

Mit Beatmung zuhause leben? Für viele wirkt das unvorstellbar. Es ist möglich und wird immer leichter. die Technik hat sich gewandelt. Dennoch ist unbekannt wieviel Menschen noch heute in Eisernen Lungen liegen.

Außerklinische Beatmung

 

Die Geschichte der außerklinischen Beatmung

 


Immer wieder töteten Epidemien der Kinderlähmung Erwachsene und Kinder, weil deren Atmung durch gelähmte Muskulatur versagte.
 

Erst seit Beginn der dreißiger Jahre änderte das die „Eisernen Lunge“, wie das erste maschinelle und funktionsfähige Beatmungsgerät genannt wurde. Die Betroffenen erhielten eine Möglichkeit zum Überleben.
Bis zum Hals im Tank eingeschlossen wurden sie von nun an durch Klappöffnungen gepflegt und behandelt.
Manche erholten sich von der Lähmung und erhielten ihre Atemfähigkeit zurück, andere erhielten eine langfristige Option zum Überleben.
Heute ist unbekannt wieviele Menschen noch immer in Ganzkörpertanks leben, die Einzelfälle werden meist erst durch ihr Ableben bekannt.

 
Frederick B. Snite jr. war sehr wohlhabend und wurde 1937 der erste dokumentierte Klient mit mobiler und außerklinischer Beatmung. Er reiste von China über Land und Wasser nach Chicago.[1][2]
 

15 Jahre später, also 1952 führte die große Anzahl an Menschen mit Beatmung dazu, das das Rancho Los Amigos Hospital bei Los Angeles mit einem neuen Konzept kostengünstigere Möglichkeiten anvisierte:
So konnten 1956 schon 92% aller in den Vereinigten Staaten Beatmeten außerklinisch ventiliert versorgt werden.[3]
 

 
Die Möglichkeit der Nichtinvasiven Beatmung (NIV – Beatmung ohne Luftröhrenschnitt) löste bei vielen Menschen die Invasive Beatmung (Beatmung mit Luftröhrenschnitt/ Tracheotomie) ab und verbesserte zusätzlich seit Beginn der achtziger Jahre das Leben von Menschen mit vielen anderen Krankheitsbildern.
Das führte dazu, dass der Kreis der Nutzer sich vergrößerte und ermöglichte dem Einzelnen Zugang zu qualtitativ hochwertigeren Produkten und Dienstleistungen.[4]

 

Außerklinische Beatmung beginnt in der Klinik

 
Heute beginnt die Beatmung im Notfall vor Ort oder therapeutisch in der Klinik.
Hier findet die Entwöhnung von der Beatmung (Weaning) oder die Erhöhung beamtungsfreier Zeiten – soweit das dem Patienten hilft und ermöglicht werden kann – statt.
 
[5]

Weaning nur mit Arzt

 
Die Entwöhnung oder Verringerung von maschineller Ventilation erfordert immer die Anwesenheit eines Arztes und ist deshalb nur in der Klinik verantwortbar.
Deshalb folgt die Entlassung in die häusliche Umgebung erst wenn die Entwöhnung erfolglos bleibt, also bei Weaningversagen oder wenn beatmungsfreie Zeiten nicht weiter erhöht werden sollen oder können.
Soll die maschinelle Abhängigkeit später reduziert werden, erfordert das nach heutigem Stand (2015) einen erneuten klinischen Aufenthalt.[6]

 

Außerklinische Beatmung erfordert lückenlose Organisation

 
Während des Klinikaufenthalts werden Weichen gestellt:
Die Bedürfnisse häuslicher Beatmung sind speziell und deren Erfüllung ist am Entlassungstag unbedingt erforderlich.
 

Die alte oder eine neue Wohnung muss der neuen Situation entsprechend umgebaut werden, lebensnotwendige Hilfs- und Verbrauchsmittel müssen am Entlassungstag vom Krankenhausteam verordnet, bestellt und die Finanzierung von Pflege, Verbrauchs- und Hilfsmitteln, sowie der Lebensunterhalt bei den zuständigen Leistungsträgern gesichert sein.
 
Auch die Heimreise benötigt strikte Organisation.
Wohnortnah muss für den Patienten – wegen weiterer Verschreibungen und Therapien – ein neues, qualitativ hochwertiges Netzwerk aus Therapeuten, Ärzten, Pflegefachkräften und Sanitätshaus etabliert werden,
 
[6]

Netzwerk: Patient, Angehörige und das therapeutische Team

 
Damit das alles funktioniert kümmern sich – gemeinsam mit Angehörigen und Patient – das aus Ärzten, Therapeuten, Pflegefachkräften und Sozialarbeitern bestehende therapeutische Team.
 
Wünscht der Patient die häusliche Versorgung durch einen Pflegedienst, wird auch dieser frühzeitig in das Krankenhausteam einbezogen, um eine reibungslose Entlassung und die sichere, häusliche Situation mitzugestalten.
 
Die selbstständige Versorgung im Arbeitgebermodell ist auch Menschen möglich, deren Leben maschinelle Ventilation sichert, birgt aber durch die komplexen Erfordernisse der Heimbeatmung viele Gefahren, die schnell zur Überforderung aller Beteiligten führen können und dann das Wohlbefinden gefährden.[6]

 

Finanzierung der außerklinischen Beatmung

 
Außerklinische Beatmung kostet viel Geld und zum größten Teil durch die Krankenkassen finanziert.
Menschen, deren Leben von Beatmungssystemen abhängt, benötigen häufig auch zusätzlich grundpflegerische und hauswirtschaftliche Unterstützung.
Einprägsam zeigt das die Situation von Menschen deren Lähmungen Arme, Beine und den Körper einschränken.
Diese Situation hat der Gesetzgeber nicht vorgesehen und führt deshalb immer wieder zu neuen individuellen Gerichtsurteilen.

 
Die Zeit, die die Grundpflegerische Versorgung bedarf, wird von vielen Leistungsträgern nur als Grundpflege berechnet.
Unberücksichtigt bleibt, dass auch während der Grundpflege die intensivpflegerische Überwachung durchgeführt wird und die Pflegekräfte dazu qualifiziert sein müssen.

 
Die anteilige Grundpflege verursacht, abhängig von der Sozialversicherungspflicht, Kostenteilungen, die das Einschalten weitere Leistungsträger erfordern. Beteiligt sein können daran – vor allem bei gleichzeitiger Beantragung des persönlichen Budgets – prinzipiell die
 

  • Gesetzliche Krankenkasse
  • Pflegekasse
  • Bundesagentur für Arbeit
  • Gesetzliche Unfallversicherung
  • Gesetzliche Pflegeversicherung
  • Jugendhilfeträger
  • Sozialhilfeträger
  • Integrationsamt

 
Bei der Beantragung der Finanzierung hilft in der Regel, wie oben beschrieben, auch das Team des Krankenhauses, der Pflegedienst und ein hinzugezogener Rechtsanwalt. [7]

 

Unzureichende gesetzliche Grundlagen erschweren die Finanzierung außerklinischer Beatmung

 

Entscheidungen des Bundessozialgerichtes führten dazu, das für Überwachung und Pflege außerklinisch beatmeter Klienten und der parallel stattfindenden Unterstützung in der Regel finanziell ungenügend gedeckt sind.
Greifen die Urteile des Bundessozialgerichts nicht, beispielsweise bei nichtsozialversicherungspflichtigen Beamten oder bei Privatversicherten, müssen individuelle Vergütungen vereinbart werden und oft auch zivile Klagewege gegen die Leistungsträger beschritten werden. [8]

 

Außerklinische Beatmung erfordert ausgebildete Pflegefachkräfte

 
Egal, ob Menschen, die zuhause außerklinisch beatmet werden im Arbeitgeber-Modell selbstständig werden oder ob sie einen Pflegedienst beauftragen, ist es erforderlich, dass alle betreuenden Personen, als Pflegefachkräfte ausgebildet sind, also als Gesundheits- und Krankenpfleger, Altenpfleger oder in beiden Berufen eine staatliche Prüfung erfolgreich bestanden haben.
 

Außerklinische Beatmung und die Einbindung Angehöriger

 
Als Ausnahme für diese Regelung wünscht und ermöglicht der Gesetzgeber, dass Angehörige des Klienten in den sicheren Umgang mit der Beatmungspflege eingearbeitet werden.
Die Vorteile liegen einerseits darin, dass Angehörige und Klienten so die Möglichkeit haben Zeit ohne Pflegefachkräfte zu verbringen und diese auch bei kleineren Schwierigkeiten unauffällig im Hintergrund bleiben können.
Sind sie finanzieller Natur, nämlich dann, wenn Angehörige als Pflegende angestellt werden, benötigen Sie allerdings auch eine Qualifikation als Pflegefachkraft.
Hier sollten alle Beteiligten die weitreichenden Auswirkungen einer solchen Entscheidung bedenken.
 
Die starke emotionale Verbindung, gepaart mit mangelnden, beruflichen Fachkenntnissen und der natürlichen, dem Notfall geschuldeten Aufregung, können im Notfall medizinische Hilfe verhindern.
Besonders tragisch träfe es Angehörige, die lebensrettende Maßnahmen fachlich völlig richtig durchgeführt hatten und trotzdem bei den eigenen Angehörigen den Tod oder starke, bleibende Hirnschäden mit daraus resultierenden Behinderungen nicht vermeiden konnten.
Ein solches Erlebnis kann bei beteiligten Angehörigen lebenslängliche Schuldgefühle verursachen.

 

Intensivpflegerische Grundlagen der außerklinischen Beatmung

 

Damit Menschen, die beatmet werden gut versorgt werden, brauchen alle Betreuenden „vertiefte Kenntnisse der Zusammenhänge von Atmungsregulation, Atemmechanik, Gasaustausch, Atempumpe und der gegenseitigen Beeinflussung der „Atemfunktion“ mit anderen Organfunktionen“ [6]

 

Um diese theoretischen Kenntnisse aktuell zu halten, bedarf es regelmäßiger Fortbildung und auch Eigeninitiative zur Gewinnung neuer Informationen.

 
Im Alltag beziehen sich diese Grundlagen auf die Gerätemedizin, auf spezielle pflegerische Kenntnisse und richtiges Handeln im Notfall.

 
Außerdem gehören zu den Grundlagen die Fähigkeit zur praktischen Umsetzung, damit pflegerische Maßnahmen in der alltäglichen Versorgung, zur Vorbeugung und im Notfall richtig durchgeführt werden.[9][

 

Gerätemedizin und Überwachung in der außerklinischen Beatmung

 

Abhängig vom Umfang, Art und Weise der Beatmung des Klienten werden Beatmungsgerät, Atemluftbefeuchter, Hustenassistent, Absauggerät, Ambubeutel, Inhalationsgerät. Patientennotruf, Sauerstoffmessgerät, Cuff-Druck Messer und Monitor in der außerklinischen Beatmung häufig eingesetzt.
 
Die betreuende Person muss die Geräte richtig anwenden, einstellen und prüfen können, damit der Klient durch die Anwendung Nutzen zieht und keinen Schaden nimmt.
Die Einstellungen der Geräte sind Arztsache, das Einstellen selbst wird hingegen oft an Pflegefachkräfte delegiert.
Die technische Seite, also Pflege, Reinigung, Funktionsprüfung, einfache Wartung (Filterwechsel u.ä.) und in der Bedienungsanleitung beschriebene Fehlerkorrekturen gehören zum Aufgabengebiet der Pflegefachkräfte, während Reparaturen, Kalibrierungen und technische Wartung die Hersteller und der Vertrieb technisch unterstützen.
 
Um Fehlfunktionen früh zu erkennen werden die Gerätefunktionen regelmäßig, normalerweise zu Schichtbeginn, idealerweise mit Checkliste geprüft.[a]
 

 

Notfallmaßnahmen in der außerklinischen Beatmung

 
Wer die genannten Kenntnisse hat, daraus die folgerichtigen Schlüsse zieht und passende intensivpflegerische Entscheidungen trifft, kann im Notfall dem Klienten sicher helfen und die Atemfunktion wiederherstellen, um lebenslange, erhebliche Einschränkungen zu verhindern und dem Klienten das Leben zu retten.
 

Persönliche Assistenz mit Intensivpflege, Behandlungspflege, Grundpflege

 
Die Schwere der Einschränkungen bestimmt das Maß der gesamten Versorgung.
Menschen, die außerklinisch beatmet werden haben bis zu 24 Stunden am Tag Anspruch auf Pflege.
Oft wird der Klient dabei auch zum Assistenznehmer Persönlicher Assistenz.
Die assistierenden Pflegefachkräfte ergreifen also einerseits intensivpflegerische Maßnahmen, beteiligen sich zum anderen auch an grundpflegerischen und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten und gehen mit Ihren Klienten gemeinsam einkaufen oder ins Eishockeystadion, manchmal sogar auf Reisen.
 
Das bedeutet für einen Menschen, dem ein hoher Zeitbedarf zusteht, neben den Belastungen seines gesundheitlichen Zustandes auch, dass sein Zuhause ständiger Arbeitsort für Menschen, die im Schichtsystem wechseln, wird.
Gerade in der Anfangszeit entstehen dabei, bis sein Team steht und er sich in sein neues Leben eingefunden hat, immer wieder unangenehme Situationen durch zwischenmenschliche Differenzen, die auch zu personellem Austausch führen.


 
Hat sich das Team – im Einklang mit Klient und dessen Angehörigen – gefunden entsteht im Idealfall eine langjährige, familienähnliche Struktur mit guten Bindungen, die jedoch immer im professionellen Rahmen bleibt.

 




 

Quellen

 
[1] Autor ungenannt, ‚Iron Lung‘ Traveller will go to Florida, New York Times,1937

 
[2] Gunkel, Letzte Rettung Stahlsarg, Spiegel.de, 2009, http://www.spiegel.de/einestages/medizingeschichte-a-948551.html, abgerufen am 15.02.2014

 
[3] Website des Rancho Los Amigos Hospital http://dhs.lacounty.gov/wps/portal/dhs/rancho, abgerufen am 15.02.2014

 
[4] Schulbert, Vergleich identischer Beatmungsgeräte desselben Her
stellers in Bezug auf abgegebenen Druck und abgegebenes Tidalvolumen an einem Lungenmodell, Dissertation, Fachbereich Medizin der Philipps Universität Marburg,2011, http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2012/0257/pdf/dmcs.pdf, abgerufen am 15.02.2014

 
[5] Knie, Die Entwicklung der intermittierenden nichtinvasiven außerklinischen Beatmung in der Klinik für Intensivmedizin und Langzeitbeatm ung der Asklepios Fachkliniken München-Gauting von 1997 – 2 008 ,Ludwig-Maximilian-Universität München ,2010 http://edoc.ub.uni-muenchen.de/12330/1/Knie_Alexandra.pdf, ,abgerufen am 14.02.2014

 
[6] Randerath WJ et.al, Durchführungsempfehlungen zur invasiven außerklinischen Beatmung, Thieme, 2011, https://www.thieme.de/statics/dokumente/thieme/final/de/dokumente/zw_pneumologie/Ausserklinische_Beatmung.pdf, abgerufen am 10.02.2015

 
[7] Müller, Persönliche Assistenz – Entwicklung einer Handreichung zur Profilierung dieser Dienstleistung,2009, Diplomarbeit

 
[8] Koch,
Finanzierung von
24-Stunden-Versorgungen, 6. Kölner Heimbeamtmungsworkshop, 2011, http://www.kanzlei-koch.de/service/Finanzierung%20von%2024-Stunden-Versorgungen.pdf, abgerufen am 19.02.2015

 
[9] Heimbeatmung: Gewinn für Patienten, Herausforderung für Ärzte und Pflege, Flehn, Bennerscheidt, Deutsches Ärzteblatt, 2007, http://www.aerzteblatt.de/archiv/54369/Heimbeatmung-Gewinn-fuer-Patienten-Herausforderung-fuer-Aerzte-und-Pflege, abgerufen am 14.02.2015

 


Zuletzt geändert am: 12.08.2016

Urheber John-Martin Teuschel

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