Die Wirkung einer Rückenmarkverletzung auf die Harnblase

In leichter, Nicht-Medizinern verständlicher Sprache erfahren Sie, warum Menschen mit Rückenmarkverletzungen oft eine gestörte Blasenfunktion haben. Den Zugang zu diesem Text erleichtert die Lektüre des Beitrags zur Harnblasen-Funktion.

 

Ein Verletzung des Rückenmarks kann zur schlaffen oder spastischen Blase führen. Um das Verständnis für diese Vorgänge zu erleichtern, erklären wir sie Ihnen in einfachen Worten.


 

Die Wirkung einer Rückenmarkverletzung auf die Harnblase

 

Wird das gesunde Rückenmark verletzt, fallen durch die Unterbrechung der Nerven bislang mögliche Funktionen plötzlich aus.

Die Brücke (Pons) ist ein Teil des oberen Rückenmarks. In dieser bereits zum Hirn gehörigen Region wird auch das Wasserlassen gesteuert (Miktionszentrum).

Der Funktionsausfall durch eine Rückenmarkverletzung betrifft auch Reflexe und die Weiterleitung von Signalen zwischen Miktionszentrum, Mittel- und Nachhirn und Blase.[1]

 

Schlaffe Lähmung im spinalen Schock

 

Dieser Ausfall (spinaler Schock) dauert Stunden bis Monate und verursacht die schlaffe Lähmung der Harnblase.[3]
Die Blase sammelt bis zur Überfüllung Urin. Dann läuft die Blase unkontrolliert, ohne dass der Verletzte Entleerung und Blasendruck fühlt, durch den ebenfalls schlaffgelähmten Blasenschliessmuskel unvollständig aus (Überlaufinkontinenz). So verbleibt Urin als Restharn in der Blase.
Die Blase kann während des spinalen Schocks also Urin weder kontrolliert sammeln noch abgeben.

 

Der spinale Schock erfordert eine dauerhafte Urinableitung

 

Im Krankenhaus werden diese zwei Fähigkeiten durch einen Katheter, das ist ein Kunststoffschlauch, und einem Ablaufbeutel gewährt.
Anfangs erfordern schwere Verletzungen und körperliche Veränderungen gewöhnlich diese dauerhafte Urinableitung.
Nachteilig wirkt schon eine einmalige Behandlung mit dem in der Harnröhre verbleibenden Katheter (transurethraler Verweilkatheter). Diese Behandlung verursacht häufig neue Probleme, darunter auch krankhafte Veränderungen der Harnröhrenwand, die die spätere selbstständige Blasenentleerung erschweren können.[4]
Durch die Bauchdecke gelegte Katheter wirken unnatürlicher, sind aber die bessere Methode (Suprapubischer Blasenfistelkatheter).[5]
Wird die dauerhafte Urinableitung überflüssig, sollte die Blase in regelmäßigen Zeitabständen durch die Harnröhre entleert werden (intermitterender Einmalkatheterismus).

 

Spastische Blase

 

Nach dem spinalen Schock unterscheidet sich die Blasenaktivität je nach der Höhe der Rückenmarksverletzung.
Das Sakralmark ist der unterste Teil des Rückenmarks und wird seltener verletzt als der höhere deutliche längere Abschnitt.
Liegt die Verletzung über dem Sakralmark kommt es zur krampfhaften Lähmung der Blase (Spastische Blase).
Das unverletzte Sakralmark kann nach Ausfall der Gehirnsteuerung eigene Reflexe entwickeln, um die Blase zu Entleeren.

Blasenmuskel und -verschluss ziehen sich gleichzeitig zusammen

Anstelle der natürlichen Funktion tritt die Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie. Das bedeutet, dass Blasenmuskel und -verschluss sich gleichzeitig zusammenziehen.
Weil der Blasenverschlussmuskel, mit seiner Ringform die Blase verschließt, während die Blase versucht Urin hinauszupressen, benötigt die Blasenentleerung jetzt einen hohen Druck und eine lange Spannungszeit.

 

Erhöhter Urindruck schädigt Organe

 

Der Druck kann bei Männern dazu führen, dass Urin in die inneren Geschlechtsorgane fließt und diese schädigt.
Der Urindruck und die längere Spannung trainieren den Blasenmuskel. Das ist nachteilig, weil dieses Training den Blasenmuskel verdickt.
Die Verdickung der Wände des Hohlmuskels verkleinert den Hohlraum und die Füllmenge der Blase verringert sich dauerhaft.

 

Klopfen – eine gefährliche Methode

 

Die neue Reflex- und Blasenaktivität ermöglichen es dem Verletzten mittels Klopfreiz die Blase zu entleeren (Triggern, Klopfen). Diese früher übliche Technik wird wegen ihrer großen Nachteile nur noch selten, meist aus persönlicher Vorliebe oder aus Abneigung gegenüber dem Katheterismus, angewendet.
Einige Nachteile bedingen die unvollständige Blasenleerung beim Triggern. Diese führt zu häufigeren Harnwegsinfekten, deren Folge Muskelverdickungen und lebensbedrohliche Gefährdungen der Niere sein können.

Auch der durch die Lähmung mögliche Urinrückfluss in die inneren männlichen Geschlechtsorgane und die unangenehme Unzuverlässigkeit der Urinkontrolle sprechen gegen die Entleerung durch Klopfreize.
Andere, dem Klopfen ähnliche Reize entleeren die Blase nämlich ebenso spontan. Beispiele für solche Reflexauslöser sind plötzliche Spastik, Befahren von Bordsteinkanten und unebener Erde mit dem Rollstuhl oder Erschrecken.

 

Intermittierender Einmalkatheterismus

 

Als beste Form der Urinableitung gilt das regelmäßige Entleeren der Blase mit einem Katheter (intermittierender Einmalkatherismus).
Für diese Technik muss die Kraft des Harnröhrenschliessmuskel (Sphinkter) verringert werden, damit der Katheter verletzungsfrei in die Blase eingeführt werden kann.
Auch soll das durch Reflexe gesteuerte Zusammenziehen der Blase verringert werden, damit diese sich nicht von selbst entleert.

 

Unterstützende Medikamente

 

Mittel, die hier helfen können, sind Anticholinergika. Das sind Medikamente, die Nervenreize zu glatten Muskeln unterdrücken, aber auch operative Verfahren und Elektrostimulation.

 

Die schlaffgelähmte Blase

 

Die Blase bleibt nach dem spinalen Schock schlaff gelähmt, wenn das Sakralmark oder Nerven zwischen Sakralmark und Blase verletzt wurden. Dann bleibt die Reflexaktivität aus.
Durch die fehlenden Reflexe, die bei der spastischen Blase zur Entleerung führen, speichert die Blase viel Urin zu speichern.

 

Dokumentation von Urin- und Trinkmengen

 

Werden oft über 500ml Urin kathetert führt das häufig zu weiteren Problemen. Um dem vorzubeugen, sind häufigere Entleerungen notwendig, ebenso wie kontrolliertes und regelmäßiges, bestenfalls in einem Tagebuch notiertes, Trinken.
Das hilft übrigens auch gut, als Voraussetzung für die Rehabilitation und Therapie der spastischen Blase. [7][8]
Beide Lähmungsformen können bewirken, dass die Blasenwand ihre Dehnungsfähigkeit verliert, wodurch der Blasendruck bei zunehmender Füllung deutlich stärker ansteigt, als bei Menschen mit gesunden Ausscheidungsapparat.[1]

Autor: John-Martin Teuschel

 

Quellen zum Artikel: Die Wirkung einer Rückenmarkverletzung auf die Harnblase

 

[1] Pott,2006, Kortikale Kontrolle der Perzeption von Harndrang, http://www.physiologie.uni-kiel.de/dissertationen/Pott2006.pdf, abgerufen am 28.04.2012
[3] Hailer, Lexikon für Orthopädie und Unfallchirurgie, Spinaler Schock, http://www.lexikon-orthopaedie.com/pdx.pl?dv=0&id=01874, abgerufen am 28.04.2012
[4] Günther, Löchner-Ernst, Kramer, Grigoleit, Stöhrer, „Führt der intermittierende Selbstkatheterismus zu einer Harnröhrenschädigung?“ in Querschnittlähmung – neue Behandlungskonzepte, 2003
[5] Zäch, G. A. und Koch, H. G. [Hrsg.] ,Paraplegie: Ganzheitliche Rehabilitation, Urologie, Die neuropathische Blase 2006
[6] Manski, www.urologielehrbuch.de, Suprabischer Katheter, http://www.urologielehrbuch.de/suprapubischer_kathefeter.html, abgerufen am 28.04.2012
[8] Domurath, Sauerwein, Therapieoptionen bei detrusorbedingter neurogener Harninkontinenz Journal für Urologie und Urogynäkologie, 2004; 11 (Sonderheft 5) (Ausgabe für Österreich), 10-1, http://www.kup.at/kup/pdf/4566.pdf, abgerufen am 29.04.2012

 

Empfehlungen zum Themenkreis Rückenmarkverletzung und Harnblase

 

Teuschel, Funktion der Blase, http://apd24.eu/fachbeitraege/13-funktion-der-blase ,abgerufen am 29.04.2012
Teuschel, Spastik bei Rückenmarkverletzten: Vor und Nach-teile http://apd24.eu/fachbeitraege/17-spastikvor-undnachteile ,abgerufen am 29.04.2012
ostfriesland-handicap.de, http://www.ostfriesland-handicap.de/download/medizin/querschnittlaehmung_erklaerung_und_hinweise.pdf, abgerufen am 29.04.2012
Handbuch Spina Bifida, http://www.handbuch.arque.de/frames.html, abgerufen am 28.04.2012
Forum, Selbsthilfeverband Inkontinenz, http://www.selbsthilfeverband-inkontinenz.org/svi_suite/ftopic447.html, abgerufen am 29.04.2012
Krengel, 2006, Strukturelle Blasenveränderungen bei neurogenen Blasenfunktionsstörungen nach Therapie mit Botulinumtoxin Typ A, http://hss.ulb.uni-bonn.de/2006/0689/0689.pdf, abgerufen am 29.04.2012
Madersbacher ,Berger , Mair, Fuchs , Guger , Klingler, Primus, Ransmayr, Riedl, Schnider, 2011, Blasenfunktionsstörungen bei Multipler Sklerose: Management, http://www.kup.at/kup/pdf/9891.pdf, abgerufen am 29.04.2012
Medizinfo.de, Folgen und Komplikationen bei Rückenmarksverletzungen, http://www.medizinfo.de/neurologie/rueckenmarkverletzungen/folgen.shtml, abgerufen am 29.04.2012
Blasenfüllmenge, Inkontinenz-Selbsthilfe e.V., http://www.inkontinenz-selbsthilfe.com/inkontinenz/inkontinenzhilfsmittel/selbstkatheterismus-isk.html, abgerufen am 29.04.2012
http://leitlinien.degam.de/uploads/media/LL-05-Inkontinenz-002.pdf, abgerufen am 29.04.2012

 

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Zuletzt geändert am: 08.08.2015

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