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Spastik: Vor- und Nachteile (1/2)

„Spastik schränkt ein“, „Spastik verursacht Schmerzen und Inkontinenz“, sind oft gehörte Äußerungen unserer Klienten. Dieser Artikel beleuchtet zwei Seiten der Spastik. Sie kann auch Vorteile bewirken. Der Blick über den Tellerrand hilft das Wohlbefinden zu steigern. Oder sich gezielt für therapeutische Angebote zu entscheiden.

Entstehung von Spastiken

Das Rückenmark und das Gehirn steuern die Muskelbewegungen. Dieses Zusammenspiel ermöglicht, dass Muskeln nach Bedarf genutzt werden können. Im Reflex reagieren sie schnell, intensiv und unbewusst gesteuert.

Bei Feinarbeiten, wie beispielsweise der Reparatur einer mechanischen Uhr, können sie exakt, willentlich und kontrolliert eingesetzt werden. Um diese unterschiedlichen Muskelaufgaben zu realisieren hat der Mensch ein System entwickelt. Rückenmarksverletzungen können dieses stören: Lähmungen entstehen, Muskeln verweigern sich dem Verletzten. 3

 

Änderung der Lähmung

 

Die meisten Rückenmarkverletzten haben nach der Schädigung ihres Rückenmarks eine schlaffe Lähmung. Die gelähmten Muskeln können nicht mehr angespannt werden. Nach einiger Zeit kann diese schlaffe Lähmung in einen Zustand übergehen, den plötzliche, unbeeinflussbare Muskelbewegungen kennzeichnen. Plötzlich erleben Verletzte und Angehörige, dass ein bisher bewegungsloses Körperteil, beispielsweise ein Fuß leicht zuckt, sich heftig streckt oder beugt. Das wird oft als hoffnungsvolles Signal für eine glückliche Wendung oder gar Heilung missverstanden. Das Zucken ist die „spastische Lähmung“, die der schlaffen Lähmung folgt, nachdem im Rückenmark neue, aber nicht sinnvoll funktionierende Verbindungen entstanden sind. 4 5

 

Das System zur Steuerung der Muskulatur ist schwer geschädigt. Die Beweglichkeit der betroffenen Körperteile durch plötzliche Spastiken kann für den Rückenmarkverletzten unkontrollierbar werden.

 

Der Auslöser eines spastischen Krampfes ist sehr individuell: Temperaturwechsel, Berührungen, Niesen, Infektionen, Erschrecken. Das Erleben und die Auswirkungen der Spastik bringen für jeden Rückenmarkverletzten ganz unterschiedliche und individuelle Vor- und Nachteile.

 

Vorteile der Spastik

 

Im Gegensatz zum schlaff gelähmten Muskel, der nur passiv bewegt werden kann, bewegen unsteuerbare Muskelkrämpfe durch Strecken oder Beugen die vorhandene Muskulatur. Dieses Muskeltraining hat Vorzüge.

Optisch können die Beine eine natürliche Form behalten, was gerade im Sommer, wenn der Verletzte kurze Hose trägt, das Selbstwertgefühl steigert. Aus ästhetischen Gründen.

 

Gleichzeitig bessert sich der Rückfluss von Blut zum Herzen. Die Wadenmuskulatur pumpt das Blut nach oben gegen die Schwerkraft zum Herzen. Diese Muskelpumpe entlastet das Herz und verringert Wassereinlagerungen in den Beinen. Durch Wassereinlagerung geschwollene Beine bieten neue Verletzungsmöglichkeiten, wie beispielsweise Druckstellen durch Hautkontakt mit dem Schuh.

 

Die Bildung von Blutgerinnseln, die sogar zum Tode führen können, erhöht reduzierte Beweglichkeit. Die bewegende Spastik beschleunigt den Blutfluss beschleunigen. Gefährliche Blutgerinnsel bilden sich so seltener. 7

 

Ein weiterer Vorteil der spastisch trainierten Muskulatur, ist die Haltefunktion, die sich das Training ergeben kann. Oft erleichtert die Beugespastik in den Oberschenkel den Querschnittgelähmten einen aufrechten Sitz im Bett oder Rollstuhl, oder aber auch die Mobilisation im Bett. Der senkrecht zum Körper gerichtetete Oberschenkel begünstigt Hebelkräfte beim Drehen auf die andere Seite genutzt werden können.

 

Eine Streckspastik der Beine kann beispielsweise, wie ich in meiner Tätigkeit als Krankenpfleger von Patienten lernte, auch Menschen, die eine sehr beschränkte Beweglichkeit haben die selbstständige Mobilisation vom Bett in den Rollstuhl ermöglichen, indem diese sich auf die gestreckten Beine aufstellen und sich vom Bett zum Rollstuhl hinüber drehen.

 

Auch die Lungenfunktion kann die Spastik positiv beeinflussen, besonders dann wenn der Hustenreflex durch die Lähmung reduziert ist und der Betroffene schlecht oder nur mit Unterstützung durch Pflegepersonen abhusten kann.

 

Bei neuen Erkrankungen, erhöht sich die Spastik bei vielen Rückenmarkverletzten deutlich. Als Signalgeber für Infektionen, neu auftretende Verletzungen oder auch Veränderungen in Lage und Position von operativ eingefügten Material (Schrauben, Platten) liefert akut auftretende Spastik oft wertvolle Hinweise.

 

In anderen Fällen kann sie auch verlässlich auf eine überfüllte Blase oder baldige Darmentleerung hinweisen und den Rückenmarkverletzten vor unliebsamen spontanen Blasen- und Darmentleerungen warnen.

 

Einige der genannten Vorteile sind, das gilt auch für den Bereich Dekubitus, bedeuten allerdings für viele Patienten Nachteile und erhöhen ihren Leidensdruck. Viele Patienten schützt die Mobilität, die sie durch die Spastik gewinnen, oft gegen das Wundliegen. Andere hingegen werden wiederholt über mehrere Jahre hinweg operativ behandelt, weil durch den überhöhten Druck ihrer Spastiken große Druckstellen entstehen.

 

 

Der zweite Teil des Artikels Spastik: Vor-und Nachteile

Die Nachteile der Spastik, die ja oft therapeutisches Handeln erzwingen, werden im zweiten Teil dieses Artikels beschrieben. Desweiteren finden Sie dort im Text erwähnten Quellenangaben.
Lesen Sie mehr im zweiten Teil:Spastik:Die Vor- und Nachteile (Teil 2 von 2).

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Zuletzt geändert am: 02.02.2016